Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen, nur wenige Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt. Es war jene berüchtigte Grenze aus Betonblöcken, Stacheldrahtzäunen und Selbstschussanlagen, die jeden DDR-Bürger töten sollte, der es wagte, ein Leben in Freiheit zu suchen. Doch zum Glück fiel die Berliner Mauer. Mit der Wiedervereinigung blühte Deutschland auf. Für Millionen Menschen begann ein neues Leben voller Möglichkeiten, auch für meine Familie und mich. Vielleicht ist es diese zweigeteilte Biografie, als Bürger zweier Staaten mit zwei gegensätzlichen Ideologien, die mir einen besonderen Blick verleiht. Vielleicht ist es meine vielschichtige Erinnerung an eine Diktatur, die mich wachsam bleiben lässt. Ganz sicher aber ist es meine Liebe zu einem Leben in Freiheit, die mich heute Alarm schlagen lässt, wenn ich Ihnen sage: Soziale Medien sind ungesund, verzerrt, ja korrumpiert, und sie verleiten uns alle zu unsozialem Verhalten.
Zweifellos sind die Social-Media-Unternehmen einmal als soziale Netzwerke angetreten, mit der guten Absicht, Menschen miteinander zu verbinden. Dank sozialer Medien kann ich mit vielen Freunden in Kontakt bleiben, die ich auf meinen Reisen um die Welt kennengelernt habe. Und als PR-Berater würde ich lügen, wenn ich behauptete, ich wüsste es nicht zu schätzen, aktuelle Nachrichten passend zu meinen Interessen zu bekommen. Gott segne die Pressefreiheit! Doch all das hat einen hohen Preis: persönliche Daten für personalisierte Werbung. Heute geht es in den sozialen Medien nicht mehr darum, Menschen zu verbinden, sondern darum, unsere privaten Daten zu Persönlichkeitsprofilen zu verknüpfen, um uns gezielt Werbung auszuspielen. Jeder Marketingprofi wird bestätigen, dass sich alles um Klickraten und Engagement dreht. Denn für die großen Social-Media-Konzerne geht es um Milliarden Dollar. Es geht nicht um Gemeinschaft, es geht um Geld. Und ich sage: Der Preis, den wir dafür zahlen, ist viel zu hoch.
Machen wir uns nichts vor! Lernen wir wirklich noch neue Menschen kennen? Nein, meist ist es der digitale Freund eines digitalen Freundes, nur einen Klick entfernt. Jemand, der uns empfohlen wurde, in der Regel vom Algorithmus. Jemand Bequemes, der nicht stört und schon gar keine andere Meinung vertritt als wir. Und wann ist Ihnen zuletzt aufgefallen, dass einige Ihrer Social-Media-Freunde auf rätselhafte Weise verschwunden sind? Sei es der Freund mit der gegensätzlichen politischen Meinung oder der etwas schrullige, aber freundliche Nachbar. Haben sie Sie blockiert oder Ihnen entfolgt? Nein, höchstwahrscheinlich blenden der Algorithmus und die Filterblasen ihre Beiträge Tag für Tag aus. Was Sie sehen und lesen, bestimmen nicht mehr Sie selbst, es wird für Sie entschieden. Den Rest bringt der Algorithmus zum Schweigen. Aus den Augen, so gut wie tot. Wie soll uns diese binäre Zensur das Gefühl geben, mit den Menschen, die auf unserer Freundesliste übrig bleiben, wirklich verbunden zu sein?
Machen wir uns nichts vor! Heute nutzen neunzig Prozent der gesamten US-Bevölkerung aktiv soziale Medien. Doch allen Versprechen der Plattformen zum Trotz fühlen sich viele von uns einsam. Bonnie Nagel, Psychologin an der Oregon Health & Science University, sagt: „Sie verbringen Zeit mit Freunden, aber es sind gar keine Freunde da. Das ist nicht die soziale Verbundenheit, die wir brauchen, und nicht die Art von Nähe, die uns davor bewahrt, uns einsam zu fühlen.“ Im Februar 2021 kam ein neuer Bericht des Harvard-Projekts Making Caring Common zu dem Ergebnis, dass während der Covid-19-Pandemie mehr als jeder dritte Amerikaner unter „ernsthafter Einsamkeit“ litt, unter jungen Erwachsenen sogar über 60 %. Wie Pew Research feststellt, geben Achtklässler, die mehr als 10 Stunden pro Woche in sozialen Medien verbringen, mit einer um 56 % höheren Wahrscheinlichkeit an, unglücklich zu sein, als Gleichaltrige, die dort weniger Zeit verbringen. Aber war die Pandemie nicht die Hochsaison für jedes Social-Media-Unternehmen? Wenn wir doch alle online verbunden waren, was ist dann schiefgelaufen?
Machen wir uns nichts vor! Allmählich dämmert uns, dass soziale Medien überhaupt nicht sozial sind, eher im Gegenteil. Die Plattformen sind heute für uns, was das Kolosseum für die Menschen im antiken Rom war. Wir sehen nicht zu, wie Christen abgeschlachtet werden. Wir sind ja zivilisiert. Wir schauen uns die Missgeschicke anderer an, selbst wenn sie sich in gar nicht so lustigen Videos die Knochen brechen. Wir lachen über Menschen, die einander Streiche spielen, und jagen Likes mit Fotos von unserem Essen oder unserer neuesten Anschaffung. Wir beklatschen falsche Propheten der Individualität, die uns in die Gleichförmigkeit locken. Wir feiern Milliardäre und mobben die Armen und Abgehängten. Nicht besonders sozial, nicht wirklich verbunden, oder?
Machen wir uns nichts vor! Kümmert es uns überhaupt noch, was in der Welt oder auch nur in unseren Städten geschieht, und lesen wir darüber? Helfen uns soziale Medien wirklich, uns eine Meinung zu bilden, auf deren Grundlage wir als Bürgerinnen und Bürger einer echten Demokratie eine überlegte Wahlentscheidung treffen können? Natürlich ist es bequemer, sich einen unterhaltsamen Clip mit dem Etikett „Breaking News“ anzusehen, als sich gründlich in die Fakten von links wie von rechts einzuarbeiten. Doch mit diesen trügerischen Versuchen, die Wahrheit nur einen Klick entfernt zu finden, verraten wir unsere Gesellschaft. Schlimmer noch: Indem wir den Ernst der Lage verkennen, erlauben wir Diktatoren fremder Staaten, unsere sozialen Netzwerke mit Bots zu unterwandern, mit digitalen Maschinen, die darauf programmiert sind, Debatten zu lenken und Falschnachrichten zu verbreiten. Sehenden Auges lassen wir zu, dass sie die Grundfesten all dessen untergraben, was wir haben und was uns lieb ist: unsere Freiheit, unsere Demokratie und am Ende unsere eigene Zukunft.
Die Wahrheit ist: Menschen lieben Drama, und Drama verkauft sich besser als Fakten. Das gilt auch für die klassischen Medien, wie die zwölf Nachrichtenfaktoren belegen, die Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge 1965 erstmals beschrieben haben. Negativismus, Konflikt, Personalisierung, Elitebezug oder Superlative sind die idealen Zutaten, die ein Ereignis zur Nachricht machen. Und natürlich sind sie ebenso die idealen Zutaten für ein TikTok-Video, mit dem ein sogenannter Influencer durch die Decke geht. Hören Sie, wie die irren Schreie und das absurde Gelächter aus dem antiken Kolosseum bis in unsere Gegenwart herüberhallen?
Machen wir uns nichts vor! Wir müssen erkennen: Die Achillesferse jeder westlichen Demokratie sind die sozialen Medien im Gewand der Meinungsfreiheit. Doch soziale Medien spalten uns. Soziale Medien machen uns unsozial. Es ist Zeit aufzuwachen. Zeit für einen Realitätscheck.
Und Sie? Wie viele Stunden haben Sie gestern online auf einen Bildschirm geschaut und wie viele in das Gesicht eines Menschen im echten Leben: Ihrer Mutter, Ihres Vaters, Ihres Ehepartners, Ihres Kindes, Ihrer echten Freunde?
Machen wir uns nichts vor! Es ist Zeit aufzublicken. Von Angesicht zu Angesicht.
Ein Beitrag von Sebastian Hesse
